Kolossaler Einschub

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Artikel: Kolossaler Einschub

Wegen des Ausbaus der A 43 auf sechs Spuren muss die DB am Autobahnkreuz Herne fünf Brücken erweitern. Nummer zwei, mit fast hundert Metern Länge ein extragroßes Exemplar, wurde jetzt an ihr Ziel gebracht. Ein Spektakel – für Mitarbeitende und Schaulustige.

Dutzende Schaulustige hatten sich an einem schmuddeligen Samstagmorgen am Autobahnkreuz Herne versammelt, um zu beobachten, was man nicht alle Tage sehen kann. Eine fast hundert Meter lange stählerne Brücke, 900 Tonnen schwer, wurde von mehreren Lastenfahrzeugen zum Zielort gebracht und auf die Lager abgesetzt. Ab und an nieselte es aus grauen Wolken, über der Baustelle surrte eine Kameradrohne. „Das war schon ein Spektakel“, sagt Christian Dawo, Projektleiter der DB Netz AG in Duisburg.

Die Eisenbahnbrücke ist nur eine von fünf, die er und sein achtköpfiges Team am Autobahnkreuz Herne, wo die überstrapazierte A 43 auf die A 42 trifft, erweitern müssen. In diesem Fall sogar um insgesamt 40 Meter. Grund dafür ist der Ausbau der Autobahn auf sechs Spuren. Die ersten Pläne für das Mammutvorhaben wurden von der Autobahn GmbH, damals Straßen.NRW, bereits zur Jahrtausendwende entwickelt. Seit zwei Jahren ist nun auch die DB gefordert, ihren Teil beizutragen. Im vergangenen Jahr wurde Brücke Nummer eins eingesetzt. Bis 2026 sollen alle übrigen folgen.

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„Der Einschub war ein tolles Erlebnis“, sagt Projektleiter Dawo. In den vergangenen Monaten hat der 34 Jahre alte Bauingenieur von der DB Netz AG in Duisburg gemeinsam mit seinem Team viel abgestimmt und organisiert. Er habe schon einige Brückenprojekte betreut, aber noch kein Überbau sei so kolossal gewesen wie dieser. „Eine fast 100 Meter lange Brücke ist schon ein außergewöhnliches Sonderformat“, sagt Dawo. „So etwas hat man nicht sehr oft.“ 

Bis zum Einschub mussten zehn Höhenmeter überwunden werden.
Bis zum Einschub mussten zehn Höhenmeter überwunden werden.
Quelle: DB/Christian Palm
Bis zum Einschub mussten zehn Höhenmeter überwunden werden.

Bis zum erfolgreichen Einschub war es allerdings ein langer Weg. Immer wieder mussten die Stelle exakt vermessen und sämtliche Ergebnisse im Vier-Augen-Prinzip gecheckt werden. Der 98 Meter lange Hauptteil der Brücke musste zunächst in Einzelsegmenten in Polen gefertigt, mit Schwertransporten in die Nähe des Autobahnkreuzes gebracht und dort auf einem Herstellplatz an einer Nebenstraße zusammengeschweißt werden. „Das ganze Konstrukt zum ersten Mal real in einem Stück zu sehen und nicht nur auf Plänen, ist schon großartig“, sagt Dawo. „Erst dann bekommt man ein Gefühl für die gewaltigen Dimensionen. Das lässt das Ingenieursherz definitiv höher schlagen." Hinzu kam noch eine Art kleine Schwester, eine Zusatzbrücke, die über die Autobahnausfahrt führt. 32 Meter lang, Walzträger in Beton, Stahlträger aus einem Guss. 

Für die ganze Aktion wurden von Freitagabend bis Montagfrüh weite Teile des Autobahnabschnitts gesperrt. Der reine Einschub dauerte etwa 24 Stunden. Zehn Höhenmeter zwischen Herstellplatz und Fahrbahn mussten überwunden werden. Was sich wenig anhört, bedeutet bei einem Konstrukt dieser Dimension eine Menge Vorbereitung und gutes Augenmaß. Mehrfach musste die Brücke von einem Transportmodul auf das andere umgesetzt werden. Manchmal trennten Bauwerk und Leitplanke nur wenige Zentimeter. Am Ende fügte sich die Brücke geschmeidig ein wie ein passendes Puzzleteil.

Bis zur Inbetriebnahme der neuen Brücke, fahren die Züge über das bisherige Bauwerk.
Bis zur Inbetriebnahme der neuen Brücke, fahren die Züge über das bisherige Bauwerk.
Quelle: DB/Christian Palm
Bis zur Inbetriebnahme der neuen Brücke, fahren die Züge über das bisherige Bauwerk.

Alles habe gepasst, wie immer eigentlich, sagt Dawo. Er könne sich nicht erinnern, dass es jemals anders gewesen wäre. „Es sind vor allem die Vermesser, die hier absolut exakt arbeiten müssen. Und das tun sie auch.“

Ganz fertig ist das Bauwerk allerdings noch nicht. Noch müssen das Gleis und die Oberleitungen gebaut werden. Ab Mai 2024 sollen die Züge das erste Mal über die neue Brücke rollen. Bis dahin muss die alte es noch richten.